Was kann / darf / soll / muss ich tun? Tritt- und Stolpersteine für Familie und Freunde – Part 2 Kinder

Ich bin in meinem ersten Blog über Tritt- und Stolpersteine für den Umgang mit Eltern bereits auf Dos und Don‘ts eingegangen. Heute möchte ich ein paar Punkte für den Umgang mit Kindern ergänzen.

~ Es ist mir persönlich sehr wichtig, dass die Kinder ernst genommen und mit einbezogen werden. Häufig tun sich die Erwachsenen schwer, mit Kindern über Verluste zu sprechen. Meistens ist es die eigene Angst oder das eigene Unbehagen mit dem Thema, das dahinter steckt. Darum möchte ich gerne dazu ermutigen, offen mit den Kindern zu sein. Natürlich sollten die Erklärungen altersgerecht sein und nicht zwischen Tür- und Angel stattfinden. Ein Austausch mit den Eltern im Vorfeld macht Sinn, wenn das möglich sein sollte. So kann abgeglichen werden, was vielleicht bereits besprochen wurde.

~ Kinder bekommen alles mit. Alles. Selbst wenn sie noch nicht verstehen, was da um sie herum passiert, spüren sie doch, DASS etwas passiert, dass etwas anders ist als vorher. Bereits ein Säugling nimmt wahr, wenn die Mama trauert. Es macht Sinn, dem Kind altersgerecht und mit einfachen Sätzen zu erklären, was geschehen ist und dass Mama und Papa darüber sehr traurig sind. Hier ist es wichtig, dem Kind zu versichern, dass es ganz doll lieb gehabt wird, auch wenn die Eltern traurig sind. Vor allem kleine Kinder (aber auch große und Erwachsene) sind manchmal im magischen Denken unterwegs. Ein Kind macht sich womöglich Vorwürfe und meint, Schuld am Tod des Babys zu tragen, weil es Dinge wie „blödes Baby“ gesagt hat, weil Mama es nicht mehr tragen konnte etc. Auch hier ist es sehr wichtig, das Kind in seiner Gedankenwelt abzuholen und ihm zu erklären, dass es keine Schuld trägt und ein Baby nicht durch solche Gedanken stirbt. UND: an dieser Stelle unbedingt die Bewertung raus. Es ist normal und okay, dass ein Kind es auch mal doof findet, wenn es die Aufmerksamkeit, das Zimmer und die Eltern teilen muss. Es hatte bestimmt auch viele positivere Gedanken dazu ein Geschwisterkind zu bekommen.

~ Kinder stecken voller Neugier und gehen häufig viel entspannter an die Themen Sterben und Tod heran als Erwachsene denken und befürchten. Eine achtsame Wortwahl ist im Umgang mit trauernden Menschen immer angebracht. Bei Kindern ist das nochmal mehr von Bedeutung. Kinder brauchen klare und greifbare Aussagen und wollen ernst genommen werden. Es ist wichtig zu überlegen, was man sagt. „Das Baby ist eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht.“ schürt eher Ängste und begünstigt nervenaufreibende Insbettbring-Szenarien, als dass es das Kind beruhigt oder schützt.

~ Es braucht Zeit und einen geschützten Rahmen, um den Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Fragen loszuwerden und beantwortet zu bekommen. Ein Kinderkopf funktioniert manchmal gaaaanz anders, als der eines Erwachsenen und darauf sollte Rücksicht genommen werden. Wenn man keine Antwort auf eine Frage hat, kann das gesagt werden. Vielleicht kann man zusammen auf die Suche danach gehen. Wenn es Fragen sind, auf die es viele mögliche Antworten geben kann, macht es Sinn, die für sich selbst passende zu wählen, damit man dem Kind gegenüber authentisch bleiben kann. Ein gutes Beispiel dafür ist die Frage nach der Jenseitsvorstellung. „Und wo ist unser Baby jetzt?“, „Ist das Baby jetzt im Himmel / ein Engel?“ etc. Je nach Weltbild, Religion und eigener Haltung gibt es eine breite Palette an Antworten. Man kann erklären, was man selbst glaubt und das Feld für das Kind erweitern, indem man ihm erzählt, dass andere Menschen auch andere Dinge glauben. Vielleicht hat das Kind bereits eignen Vorstellungen zu diesem Thema? Es kann ein schöner Austausch stattfinden, das Kind fühlt sich gesehen und erst genommen und muss nicht hilflos und allein mit seinen Gedanken bleiben. An dieser Stelle eignet sich auch eine kreative Umsetzungen ganz wunderbar.

~ Im Umfeld des Kindes passiert vermutlich gerade eine ganze Menge. Oder auch nichts… Wie auch immer, ist auch das Leben des Kindes maßgeblich von den Veränderungen betroffen. Eine gewohnte Atmosphäre, das vertraute Miteinander, die alltäglichen Strukturen – all das kann bei einem Verlust ins Wanken kommen und das nimmt bereits ein kleines Kind wahr. Dazu kommt je nach Alter die eigene Trauer über den Verlust. Das ein Kind Stimmungsschwankungen bekommt, mehr Nähe braucht, nicht allein im Zimmer schlafen möchte oder fremdelt sind nur einige Dinge die ich persönlich als Reaktionen total verständlich finde. Ebenso bei Wutausbrüchen oder Weinkrämpfen wegen vermeintlicher Kleinigkeiten können Trauer als Ursprung haben. Auch der Verlust des Vertrauten ist ein Verlust, der vom Kind empfunden werden kann.  Es sollten sanft und verständnisvoll begleitet und mit all seinen Gefühlen „ausgehalten“ werden, da sie eine Berechtigung haben, da zu sein. Vielleicht kann das Kind seine Gefühle auch noch gar nicht erkennen und benennen. Vielleicht erlebt es gerade eine Flut an neuen Empfindungen. Wenn es diese nicht zuordnen kann, ist das womöglich ebenfalls beängstigend. Schön ist, wenn man sich an diesem Punkt etwas Zeit einräumen und dem Kind helfen kann, dieses Erleben der unbekannten Gefühle zu entdecken. Dafür eignen sich beispielsweise Bücher oder aber auch das Anbieten von Worten und Umschreibungen für das, was das Kind zu erleben scheint.

~ Gut zu wissen ist, dass Kinder gerne als Pfützenspringer bezeichnet werden. Die Kinder erleben das Gefühl nicht, sie sind meist voll und ganz drin. Und spektakulärerweise auch von jetzt auf gleich wieder draußen. So ist es gut möglich, dass sie eben noch Krokodilstränen über den Verlust geweint haben und im nächsten Atemzug aufspringen, die Rotznase am Ärmel abwischen und fröhlich zu spielen beginnen. Das ist normal und okay. Schön ist, wenn die Kinder so sein können und nicht mit einer Erwartungshaltung von wegen „Du musst doch aber traurig sein!“ oder „Ach ist doch gar nicht schlimm.“ konfrontiert werden. Es ist wie es ist – alles kann, nichts muss.

~ Es kann sinnvoll sein, ein Gespräch mit den ErzieherInnen oder LehrerInnen des Kindes zu führen, damit auch dort eventuelle Veränderungen oder Besonderheiten verstanden werden können. Hier empfiehlt es sich, diesen Schritt unbedingt vorab mit den Eltern zu besprechen. Je nach Alter des Kindes, sollte es natürlich auch hier selbst mit einbezogen werden. Vielleicht gibt es sogar den Rahmen, dass Thema mit in die Gruppe oder Klasse zu nehmen und es mit den Kindern anzuschauen und dazu zu “arbeiten“? Es sollte berücksichtigt werden, wenn das Kind das nicht möchte. Einige Kinder möchten den Tag in der Schule ganz bewusst als einen trauerfreien Raum bewahren, um dort einen Ausgleich zum Familienleben zu haben.

~ Häufig gibt es Fragen, zum Thema Kennenlernen und Verabschieden. Hier braucht es ebenfalls Fingerspitzengefühl bzw. Zungenspitzengefühl. Wenn die Eltern Fragen gestellt bekommen wie „Ihr wollt das Baby XY doch nicht etwa zeigen?“ oder aber auch Sätze wie „Beerdigungen sind nichts für Kinder.“ wird bereits eine gewisse Stimmung erzeugt. Einige Eltern fühlen sich womöglich in die Ecke gedrängt. Zum Hinterfragen oder Erläutern fehlt ihnen manchmal die Kraft. Ich bin ein großer Befürworter, Kindern einen Rahmen zu schaffen, in dem sie ihr verstorbenes Geschwisterkind sehen können. Wie bereits geschrieben, sind Kinder viel unvoreingenommener als Erwachsene. Sie sehen das Baby, können es anfassen und begreifen und daraus eine wertvolle Erfahrung mitnehmen. Das Baby wird seinen Platz im Familiensystem bekommen und so ist es für das Kind greifbarer, nicht so abstrakt wie nur Worte, ein Foto oder ein Name. Je nach Alter hat das Kind sich vielleicht auch schon sehr auf seine Schwester oder seinen Bruder gefreut und ebenso auf die Rolle als großes Geschwister. Es kann ein weiterer Verlust sein, das jetzt doch nicht sein zu sollen. Ich empfehle Familien, also auch den Eltern, ihr Kind kennenzulernen. Ebenso empfinde ich es auch für Geschwister. Und ebenso verstehe ich, dass Eltern ihre Kinder vor dieser Situation schützen wollen, besonders, wenn die Kinder selbst noch recht jung sind. Hier braucht es einen behutsamen Rahmen und vielleicht auch etwas Zurückhaltung mit den eigenen Ansichten und Vorstellungen. Sinnvoller sind ein Anbieten und Aufzeigen der Möglichkeiten mit seinen Vor- und gegebenenfalls Nachteilen. Sollte das Baby Missbildungen haben, noch sehr klein sein oder sonst irgendwie vermeintlich „erschreckend“ aussehen, kann getrickst werden. Es kann mit einem Tuch der entsprechende Teil des Körpers bedeckt werden etc. Das Aussehen des Babys kann auch im Vorfeld beschrieben werden oder es kann ein Bild mit dem Handy gemacht und gezeigt werden als Vorbereitung.

~ Wenn die Eltern eine Entscheidung getroffen haben, ist es für sie wünschenswert, dass diese Entscheidung mitgetragen und nicht bewerten wird. Vielleicht können die Eltern in Ihrer Entscheidung unterstützt werden. Ein Beispiel dafür ist z. B. die Begleitung des Kindes zur Beerdigung. Ich finde das aus heutiger Sicht sinnvoll, habe es aber selbst vor Jahren auch anders gemacht, weil ich meine Kinder als zu klein empfunden habe. Manchmal braucht es Gespräche, in denen Möglichkeiten aufgezeigt und Unterstützung durchdacht und geplant werden können. Je nach Alter verstehen Kinder, was bei einer Beerdigung geschieht. Es kann hilfreich sein, vor dem eigentlichen Bestattungstermin einen Ausflug zum Friedhof zu machen. So hat das Kind für all die ersten Eindrücke mehr Raum und Zeit, kann sich in Ruhe umschauen, die Atmosphäre spüren und seiner Begleitung gegebenenfalls Löcher in den Bauch fragen. Auch zum eigentlichen Termin macht es durchaus Sinn, dass das Kind eine eigene Begleitperson hat. Vielleicht hat es erneut Fragen, braucht eine Hand zum Halten oder einen Schoß zum Draufsitzen oder auch einfach Bewegung. Oder es hat Durst, muss auf’s Klo oder oder oder. Es ist für die Eltern wünschenswert, sich nicht zwangsläufig um all diese Dinge kümmern zu müssen, sondern in Ruhe mit der Aufmerksamkeit beim verstorbenen Kind sein zu können. Für andere Eltern ist es wiederum klar, all diese Dinge natürlich selbst machen und das Kind ganz nah bei sich haben zu wollen. Und wieder andere gehen diesen Weg nur zu zweit. Ganz individuell eben. Etwas ältere Kinder können so eine Entscheidung wunderbar mittreffen. Meist haben sie eine gute Vorstellung davon, was sie wie möchten, wenn man sie mitreden lässt. Eine Vorbereitung und klare Gespräche helfen auch hier, eventuelle Sorgen oder Ängste auszuräumen und den Ablauf und den Rahmen zu klären.

~ Wenn die Eltern oder das Kind ein Kennenlernen und Verabschieden auf keinen Fall möchten, kann vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt darüber erzählt werden. Vielleicht macht man Fotos vom Kind, der Beerdigung, dem Grab, damit sie dem Kind später einmal gezeigt werden können.

Es ist schön und ganz wertvoll für die verwaisten Geschwister und trauernde Kinder, dass ihr sie im Blick habt. Vertraut auf Euren Bauch und Euer Herz, wenn ihr bei ihnen seid und mit ihnen sprecht.

Alles Liebe
Betty